75 Minuten statt zwei Zitate: Mathias Döpfner und Holger Friedrich im Perspektivwechsel

75 Minuten statt zwei Zitate: Mathias Döpfner und Holger Friedrich im Perspektivwechsel

Wie unabhängig ist Journalismus noch? Wo endet Pluralismus? Und warum streiten Ost und West weiter? Ein Gespräch über Medien, Macht und Demokratie.

Mit dem Perspektivwechsel bringen wir Menschen zusammen, die unterschiedliche Erfahrungen, politische Positionen oder berufliche Hintergründe haben. Es geht nicht um ein klassisches Interview und auch nicht darum, am Ende einen Konsens herzustellen.

Am 2. März 2026 war Mathias Döpfner zu Gast im Theater Ost in Berlin-Adlershof. Ihm gegenüber saß Holger Friedrich. Der eine ist Vorstandsvorsitzender und Miteigentümer von Axel Springer, der andere Verleger von Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Ostdeutscher Allgemeiner und Weltbühne.

Der Abend begann mit einer alten Verletzung. Friedrich sprach Döpfners 2019 privat verschickte Nachricht über Ostdeutsche an. Döpfner erklärte den Kontext, entschuldigte sich erneut für die mögliche Verletzung – und machte zugleich deutlich, dass seine damalige Wut aus politischer Sorge entstanden sei.

Danach ging die Diskussion schnell weiter: Ost und West, die neue Ostdeutsche Allgemeine, journalistische Unabhängigkeit, Regierungsnähe, Aktivismus, AfD, Russland, Sanktionen, Kapital und die Folgen der Transformation nach 1990.

Medien und öffentliche Debatte

Ein großer Teil des Abends drehte sich um Journalismus. Dabei lagen Döpfner und Friedrich näher beieinander, als es ihre publizistischen Häuser vermuten lassen könnten.

Friedrich unterschied zwischen Staatsloyalität und Regierungsloyalität. Journalismus müsse die Verfassung und den demokratischen Staat schützen, brauche gegenüber der jeweiligen Regierung aber Distanz. Döpfner stimmte ausdrücklich zu. Ein regierungsloyaler Journalist könne kein guter Journalist sein.

Auch bei der Diagnose der Medienkrise gab es viel Übereinstimmung. Döpfner bezeichnete sie nicht vor allem als technologische, sondern als intellektuelle Krise. Er kritisierte die Vermischung von Journalismus und Aktivismus: Fakten und ergebnisoffene Recherche müssten vor Haltung und Meinung stehen. Friedrich beschrieb seinerseits ein beschädigtes Vertrauensverhältnis zwischen Medien und Publikum.

Interessant war auch Döpfners Blick auf Friedrichs publizistische Projekte. Er sagte, Friedrich erweitere die Räume des Diskutierbaren. Viele sprächen davon, Diskussionsräume zu öffnen; wenige täten es tatsächlich. Bei der Ostdeutschen Allgemeinen hielt er es grundsätzlich für sinnvoll, Menschen eine Stimme zu geben, die sich überhört oder nicht gesehen fühlen. Problematisch würde das Projekt für ihn dort, wo es Ressentiments verstärkt.

Ost-West oder Angriff auf etablierte Strukturen?

Bei der Erklärung der Konflikte der vergangenen Jahre widersprachen sich beide deutlicher.

Friedrich sieht in seinen Erfahrungen mit Teilen der deutschen Medien auch eine Ost-West-Asymmetrie. Ostdeutsche Perspektiven würden häufig beschrieben und bewertet, bevor sie selbst zu Wort kämen. Die Ostdeutsche Allgemeine versteht er deshalb auch als Emanzipationsprojekt.

Döpfner bestritt nicht die Konflikte, aber ihre Erklärung. Friedrich werde aus seiner Sicht weniger angegriffen, weil er Ostdeutscher sei, sondern weil er als Disrupter Regeln verändert, Technologie eingesetzt, etablierte Kreise gestört und publizistische Räume geöffnet habe. Später formulierte er noch zugespitzter: Friedrich werde nicht angegriffen, weil er Opfer sei, sondern weil er Angreifer und Unternehmer sei – ein „Täter im guten Sinne“.

Damit standen zwei Erklärungen nebeneinander: strukturelle Ost-West-Asymmetrie und Abwehr eines etablierten Systems gegen einen neuen Wettbewerber. Der Abend löste diesen Widerspruch nicht auf.

Der eigentliche Dissens: Macht, Russland und der Maßstab

Den deutlichsten Dissens gab es bei der Frage, wie autoritäre Systeme und internationale Machtpolitik zu bewerten sind.

Döpfner fragte Friedrich offen, ob hinter dessen publizistischer Offenheit eine Sympathie für das Autoritäre stehe. Er verwies auf das Chrupalla-Porträt, Texte über Russland und China und auf die Frage, wo für Friedrich das politische Zentrum liege.

Friedrich wies die Zuschreibung zurück. Er verurteilte Putins Krieg ausdrücklich und sagte zugleich, dass er sich weigere, das russische Volk zum Feind zu erklären. Sein Interesse richte sich auf die Mechanismen von Macht und auf die Frage, wie internationale Interessenkonflikte stärker durch Recht statt durch Gewalt geregelt werden könnten.

Döpfner bestand dagegen auf einem kategorialen Unterschied zwischen unvollkommenen Demokratien und Autokratien. Wo Menschen wegen ihrer Meinung mit Freiheit oder Leben bezahlen, sei eine Grenze überschritten. Er wollte russische Invasion und amerikanische Machtpolitik deshalb nicht auf dieselbe Ebene stellen.

Gerade dieser Dissens machte sichtbar, wie unterschiedlich beide auf dieselben Phänomene schauen: Friedrich stärker über Mechanismen, Interessen und Macht; Döpfner stärker über politische Systeme und normative Grenzen.

Und dann wieder Rechtsstaat

Wenig später lagen beide wieder nah beieinander. Aus dem Publikum kam die Frage nach Sanktionen und gesperrten Konten.

Döpfner kritisierte, dass Personen wegen Meinungsäußerungen, die mit russischer Propaganda übereinstimmen, Grundrechte verlieren können. Bei aller scharfen Kritik an Putin bezeichnete er einen solchen Vorgang als Demokratieskandal.

Friedrich knüpfte daran seine grundsätzliche Kritik: Europas Stärke sei der Rechtsstaat – Anklage, Verteidigung, ein unabhängiger Dritter und ein nachvollziehbares Verfahren. Wo Sanktionen diese Logik umgehen, werde genau diese Stärke beschädigt.

Nicht alles passte in die üblichen politischen Schubladen

Zum Ende des Abends ging es noch einmal um Kapital, wirtschaftliche Entwicklung und die Transformation nach 1990.

Döpfner verwies auf die wirtschaftliche Aufholbewegung Ostdeutschlands und sieht dort weiterhin erhebliches Potenzial. Deutschland und Europa hätten zugleich ein grundlegendes Problem mit zu wenig Risikokapital und zu geringer Bereitschaft, gute Ideen groß zu machen.

Friedrich beschrieb die DDR 1990 als moralisch und wirtschaftlich bankrott und hält die grundlegende Auflösung der alten Strukturen für nachvollziehbar. Zugleich sei mehr wirtschaftliches Potenzial vernichtet worden als notwendig. Die Folgen seien bis heute bei Kapital, Eigentum und wirtschaftlicher Macht sichtbar.

Döpfner wiederum räumte ein, dass nach 1990 viel falsch gelaufen sei und viele Ostdeutsche sich verkauft oder verwertet gefühlt hätten. Eine überzeugende systemische Alternative zum damaligen Weg sieht er dennoch nicht. Seine Gesamtbilanz der Wiedervereinigung fällt positiv aus.

Auch hier lagen Anerkennung und Widerspruch nah beieinander.

Warum wir die Positionen zusätzlich dokumentieren

Nach der Veranstaltung haben wir das Gespräch deshalb noch einmal vollständig durchgearbeitet.

Dabei ging es nicht darum, eine gemeinsame politische Linie zu formulieren oder die beiden Gesprächspartner nachträglich einzuordnen.

Wir wollten zunächst eine einfachere Frage beantworten:

Welche Positionen haben Mathias Döpfner und Holger Friedrich an diesem Abend tatsächlich vertreten?

Dafür haben wir die Aussagen thematisch geordnet. Wo jemand selbst eine Position formuliert, wird sie als eigene Aussage wiedergegeben. Wo einer lediglich dem anderen zustimmt, wird das kenntlich gemacht. Persönliche Erfahrungen, Vermutungen und rhetorische Zuspitzungen werden nicht als Tatsachenbehauptungen dargestellt.

So entsteht neben dem journalistischen Artikel eine ausführlichere Dokumentation des Abends.

Anhang I: Positionen von Holger Friedrich

Die folgende Übersicht gibt Positionen wieder, die sich aus dem Gespräch unmittelbar belegen lassen. Zustimmungen, persönliche Erfahrungen sowie ausdrücklich als Einschätzung oder Hypothese formulierte Aussagen werden entsprechend gekennzeichnet.

[Übersicht der Positionen Holger Friedrichs]

Anhang II: Positionen von Mathias Döpfner

Die folgende Übersicht gibt Positionen wieder, die Mathias Döpfner im Verlauf des Gesprächs formuliert hat. Beispiele, persönliche Erfahrungen und rhetorische Zuspitzungen werden dabei von grundsätzlichen Positionen unterschieden.

[Übersicht der Positionen Mathias Döpfners]

Das vollständige Gespräch

Wer sich die Veranstaltung vollständig ansehen und sich selbst ein Bild machen möchte, findet hier die Aufzeichnung:

PerspektivWechsel 2 – Holger Friedrich trifft Mathias Döpfner – vollständiges Gespräch