PerspektivWechsel 2 – Theater Ost, Berlin-Adlershof, 2. März 2026
Die folgende Übersicht gibt Positionen wieder, die sich aus dem Gespräch unmittelbar belegen lassen. Zustimmungen zu Aussagen des Gesprächspartners sowie ausdrücklich als Hypothese, Einschätzung oder persönliche Erfahrung formulierte Aussagen werden entsprechend kenntlich gemacht.
Zentrale Positionen von Holger Friedrich
- Ostdeutsche Emanzipation statt Abgrenzung: Friedrich versteht die OAZ als Angebot gegen Stigmatisierung und als publizistische Ergänzung bestehender Strukturen, nicht als Ressentimentprojekt gegen den Westen.
- Staatsloyal, nicht regierungsloyal: Journalismus soll dem demokratischen Staat und seiner Verfassung verpflichtet sein, gegenüber Regierungen aber Distanz halten.
- Pluralismus durch Neugier: Auch stark umstrittene Personen und Positionen sollen journalistisch geprüft und sichtbar gemacht werden; Kontakt oder Veröffentlichung bedeuten keine Zustimmung.
- Machtmechanismen statt Lagerlogik: Friedrich betrachtet internationale Politik stärker über Interessen, Macht und deren Begrenzung durch Recht als über moralische Lagerzuordnungen.
- Rechtsstaatlichkeit auch unter Druck: Sanktionen und andere staatliche Eingriffe müssen aus seiner Sicht wirksame Verteidigung und unabhängige Prüfung ermöglichen.
- Ostdeutsche Transformationserfahrung als Ressource: Erfahrungen aus DDR, friedlicher Revolution und Transformation sollen nicht nur als Defizitgeschichte, sondern als Wissen für heutige Veränderungsprozesse verstanden werden.
Detaillierte Übersicht der Positionen
- OAZ als Emanzipationsprojekt [00:07:35–00:10:12]
Friedrich beschreibt das Ziel der Ostdeutschen Allgemeinen zunächst als Schutz vor Stigmatisierung: Er selbst, seine Familie, Kollegen und Menschen in Ostdeutschland sollten nicht dauerhaft Projektionsfläche fremder Zuschreibungen sein. Die Emanzipation könne kooperativ, wenn nötig aber auch konfrontativ erfolgen.
- Publizistische Lücke im Osten [00:08:00–00:10:12]
Friedrich begründet die OAZ auch mit einer aus seiner Sicht vorhandenen Marktlücke. Überregionale westdeutsche Medien verkauften im Osten vergleichsweise schwach; die OAZ solle ein zusätzliches Angebot neben bestehenden Strukturen schaffen, nicht primär ein konfrontatives Gegenmedium.
- Öffentliche und veröffentlichte Meinung fallen auseinander [00:09:40–00:10:12]
Friedrich sieht einen wachsenden Unterschied zwischen gesellschaftlicher Nachfrage und medialer Bewertung. Als Beispiel nennt er die scharfe öffentliche Kritik an der OAZ bei gleichzeitig aus seiner Sicht guten Nutzungs- und Verkaufszahlen.
- Kritik an wiederkehrenden Zuschreibungen [00:13:09–00:16:03]
Friedrich kritisiert, dass Berichte über ihn und seine Projekte wiederholt dieselben Vorwürfe und biografischen Zuschreibungen reproduzierten. Er empfindet dies als strukturell asymmetrisch und als Belastung für ihn, seine Familie und Mitarbeiter.
- Ost-West-Erfahrung als Teil der Medienkritik [00:15:27–00:16:03]
Friedrich interpretiert seine Erfahrungen im Medienbetrieb auch vor dem Hintergrund ostdeutscher Erfahrungen nach 1990. Er sieht Parallelen zwischen der Behandlung ostdeutscher Akteure und seinen eigenen Erfahrungen als neuer Verleger.
- Freiheitsrechte des Westens sind ein historischer Vorteil [00:16:43–00:18:07]
Friedrich nennt Reise-, Rede- und Pressefreiheit ausdrücklich als elementare Vorteile westlicher Ordnungen. Dass kontroverse Diskussionen öffentlich geführt werden können, bewertet er positiv.
- Staatsloyalität ist nicht Regierungsloyalität [00:18:07–00:19:54]
Friedrich fordert von freier Presse grundsätzliche Loyalität gegenüber Verfassung und demokratischem Staat, aber Distanz zur jeweiligen Regierung. Er kritisiert eine aus seiner Sicht problematische Nähe zwischen Teilen der Medien und politischer Macht.
- Vertrauen zwischen Medien und Publikum ist beschädigt [00:22:10–00:22:49]
Friedrich beschreibt die Integrität des medialen Systems als Vertrauensverhältnis zwischen Produzenten und Publikum und hält dieses Verhältnis derzeit für massiv gestört. Er bezweifelt, dass die Branche ihre strukturellen Probleme ausreichend offen diskutiert.
- Reform statt Akzeptanz struktureller Defizite [00:29:27–00:31:09]
Friedrich fordert eine geordnete Debatte über Intention, Umsetzung und Wirkung des Mediensystems. Er berichtet, einen entsprechenden Managementvorschlag an andere Verleger geschickt und wenig Interesse erfahren zu haben. Für ihn folgt daraus nicht, Defizite einfach hinzunehmen.
- Keine Sympathie für autoritäre Systeme [00:33:51–00:35:10]
Auf Döpfners Frage weist Friedrich eine Sympathie für autoritäre Systeme ausdrücklich zurück. Seine DDR-Erfahrung versteht er vielmehr als Fähigkeit, Mechanismen autoritärer Systeme zu erkennen und sich in ihnen orientieren zu können.
- Putins Krieg wird abgelehnt, Russen werden nicht zum Feind erklärt [00:34:22–00:35:40]
Friedrich sagt ausdrücklich, er habe kein Verständnis für Putin, weil dieser einen Krieg verantworte. Gewalt sei kein kluger Mechanismus zur Lösung von Interessenkonflikten. Gleichzeitig weigert er sich, daraus eine Feindschaft gegenüber dem russischen Volk abzuleiten.
- Journalistische Neugier auch gegenüber AfD-Politikern [00:35:40–00:37:38]
Friedrich begründet sein Gespräch mit Tino Chrupalla und das entsprechende Porträt mit journalistischer Neugier. Wenn gesellschaftlich bereits feststeht, mit jemandem nicht sprechen zu sollen, steigt für ihn gerade das Interesse, die Person selbst zu prüfen.
- Links und rechts reichen als politische Ordnung nicht aus [01:02:01–01:02:46]
Friedrich hält die klassische Links-Rechts-Achse für unzureichend. Für seine Medien formuliert er stattdessen den Anspruch, „vorne“ und „oben“ zu sein – also zukunftsorientiert und qualitativ anspruchsvoll statt lagergebunden.
- Veränderungsdruck entsteht, wenn die Mitte Veränderungen nicht organisiert [00:36:30–00:37:38]
Friedrich argumentiert, wenn demokratische und mediale Mitte notwendige Veränderungen nicht aufgreife, werde Veränderungsenergie an politischen Rändern wirksam. Er beschreibt dies als Folge unzureichender Aushandlung, nicht als eigene Unterstützung extremistischer Positionen.
- Internationale Konflikte sollen durch Recht statt Gewalt gelöst werden [00:41:19–00:45:30]
Friedrich überträgt das Prinzip des staatlichen Gewaltmonopols auf internationale Politik: Ziel müsse sein, vom Recht des Stärkeren zur Stärke des Rechts zu kommen. Er fordert belastbarere Mechanismen des Interessenausgleichs zwischen Staaten.
- Ostdeutsche Erfahrung friedlicher Veränderung kann genutzt werden [00:47:15–00:48:50]
Friedrich verweist auf die friedliche Revolution und den Systemwechsel von 1989/90 als Erfahrung, wie fundamentale Interessenkonflikte ohne großflächige Gewalt verändert werden können. Dieses Potenzial werde aus seiner Sicht zu wenig genutzt.
- Rechtsstaatliche Standards müssen auch für Sanktionen gelten [00:57:14–01:01:10]
Friedrich äußert Sorge über politische Sanktionen und Verfahren, gegen die Betroffene aus seiner Sicht nur begrenzte Verteidigungsmöglichkeiten haben. Er sieht darin eine Gefährdung der europäischen Stärke rechtsstaatlicher Verfahren.
- Unternehmertum braucht Freiheit, Kapital und tragfähige Rahmenbedingungen [00:52:32–00:53:31]
Friedrich hält Motivation, Demut und Kreativität für wichtiger als vorhandenes Startkapital, sieht heutige Gründungsbedingungen aber durch Regulierung, Verwaltung und Abgaben als deutlich schwieriger als in den 1990er Jahren.
- Transformation nach 1990 war nachvollziehbar, vernichtete aber unnötig Potenzial [01:09:08–01:11:40]
Friedrich bezeichnet die DDR 1990 als moralisch und wirtschaftlich bankrott und hält die grundlegende Auflösung alter Strukturen für nachvollziehbar. Gleichzeitig glaubt er, dass mehr wirtschaftliches Potenzial zerstört wurde als nötig, etwa durch mangelnde Nutzung vorhandener Betriebs- und Marktkenntnisse.
- Unterkapitalisierung und Eigentumsstruktur wirken bis heute [01:09:08–01:11:40]
Friedrich sieht die Folgen der Transformation in niedriger Kapitalausstattung und geringen Eigentumsquoten in ostdeutscher Hand. Er erwartet jedoch, dass sich diese Unterschiede über kommende Generationen verringern.
- Zukunft Ostdeutschlands: Wachstumskerne und Selbstbewusstsein [01:09:50–01:11:40]
Friedrich verweist auf Halbleiter, Batterietechnologien und andere Wachstumskerne. Entscheidend sei, ostdeutsche Zivilgesellschaft nicht als „Dunkeldeutschland“ abzuwerten, sondern besonders jüngere Generationen zu ermutigen, vorhandene Chancen selbstbewusst zu nutzen.
PerspektivWechsel 2 – Holger Friedrich trifft Mathias Döpfner. Die Zeitangaben beziehen sich auf die vollständige Aufzeichnung.