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4.305 Artikel später: Was die Daten über die OAZ zeigen

Update

Nach weit mehr als 4.000 Beiträgen lässt sich die OAZ durch zwei Merkmale beschreiben: eine ausgeprägte ostdeutsche Perspektive und eine deutlich kritische Behandlung von Regierung, Macht und Institutionen. Genau dort sehen wir eine Kernaufgabe von Presse: diejenigen besonders genau zu prüfen, die Verantwortung tragen, und sichtbar zu machen, wie Macht verteilt, begründet und genutzt wird.

Die OAZ war schnell eingeordnet. Viele Urteile über ihre politische Ausrichtung standen bereits vor der ersten gedruckten Ausgabe fest oder folgten unmittelbar danach. Zu diesem Zeitpunkt gab es 56 veröffentlichte Artikel. Selbst die ausführlicheren Bewertungen stützten sich auf höchstens fünf davon.

Inzwischen ist die Datengrundlage eine andere: Unser Datensatz umfasst 4.305 OAZ-Online-Artikel, die am 6. Oktober 2026 um 0 Uhr in unserem Redaktionssystem veröffentlicht vorhanden waren. Das sind genug Daten, um nicht mehr über einzelne Texte oder Eindrücke zu sprechen, sondern Muster zu erkennen. Was für eine Zeitung ist die OAZ tatsächlich? Wo entsprechen wir unserem Anspruch, wo den Klischees und wo können wir besser werden?

Dafür haben wir die veröffentlichten Beiträge systematisch codiert. Ein automatisiertes Klassifikationsverfahren hat Texte unter anderem nach Themen, politischen Akteuren, journalistischer Tonalität, eigener Stimme der Akteure, Grad des Hinterfragens, Gegenpositionen und Ost-West-Perspektiven untersucht. Insgesamt entstanden 551.768 Einzelcodierungen. Wo die Einordnung unsicher ist, wird auch diese Unsicherheit ausgewiesen. Die Methode ist noch keine medienwissenschaftliche Studie im engeren Sinn; insbesondere die menschliche Kontrollcodierung bauen wir weiter aus. Für wiederkehrende Muster über mehrere Tausend Texte liefert sie aber bereits eine belastbare Arbeitsgrundlage.

Die Analyse zeigt keine einfache parteipolitische Blattlinie. Untersucht wurden 4.305 veröffentlichte OAZ-Beiträge mit insgesamt 551.768 Einzelcodierungen. Keine der größeren Parteien wird im Gesamtangebot im Durchschnitt positiv dargestellt. Die journalistische Tonalität liegt für CDU/CSU bei −13,2, für die AfD bei −8,9, für die Grünen bei −8,5, für die SPD bei −6,8, FDP -6,9, Linke -3,3 und für das BSW bei −0,1 auf einer Skala von −100 bis +100. Das Gesamtbild ist damit eher kritisch als parteipolitisch affirmativ.

Besonders deutlich wird dies im Nachrichtenteil. Betrachtet man ausschließlich Nachrichten und Berichte, liegen CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke und BSW jeweils nahe am neutralen Bereich. Die AfD wird mit −6,7 sogar etwas kritischer behandelt als die übrigen Parteien. Eine systematisch positive journalistische Behandlung der AfD ist im klassischen Nachrichtenteil damit nicht erkennbar.

Die stärkste politische Asymmetrie betrifft nicht eine bestimmte Partei, sondern Regierung und Institutionen. Regierungskritik kommt in 983 Artikeln vor, Kritik an staatlichen Institutionen in 1.312. Bei der engeren Messung der journalistischen Autorentonalität werden Regierungsakteure im Mittel deutlich kritischer behandelt als Parteien insgesamt. Besonders stark ist dieser Effekt in Analysen und Meinungsbeiträgen: Der durchschnittliche Regierungston liegt in Nachrichten bei −5,6, in Analysen bei −49,2, in Kommentaren bei −67,1 und in Gastbeiträgen bei −71,0. Die Daten sprechen damit vor allem für eine ausgeprägte Macht-, Regierungs- und Institutionskritik.

Für eine bevorzugte journalistische Behandlung der AfD finden sich in den untersuchten Merkmalen keine Hinweise. Die AfD ist mit 822 Artikeln nach CDU/CSU die zweithäufigste Partei im untersuchten Angebot und damit publizistisch stark präsent. Diese Präsenz geht jedoch nicht mit einer besonders positiven oder schonenden Behandlung einher. Die journalistische Tonalität gegenüber der AfD liegt im negativen Bereich. Beim Raum für die eigene Position liegt sie unter BSW, CDU/CSU, Linken, Grünen und SPD; nur die FDP liegt geringfügig darunter. Beim journalistischen Hinterfragen zeigt sich das umgekehrte Muster: Die AfD erreicht den zweithöchsten Wert aller Parteien, lediglich CDU/CSU liegt höher. Die AfD kommt damit häufig vor, erhält aber weder außergewöhnlich viel Raum zur Selbstdarstellung noch wird sie im Parteienvergleich auffällig geschont.

Auffällig ist allerdings die unterschiedliche Tonalität im Meinungsteil. In Kommentaren werden CDU, SPD und Grüne deutlich kritischer behandelt als AfD oder BSW. Das ist eine reale Asymmetrie. Sie entsteht jedoch vor allem dort, wo Autoren ausdrücklich Position beziehen, und deutlich weniger im Nachrichtenteil. Das Muster lässt sich daher plausibler als ausgeprägte Kritik an Regierung, etablierten Parteien und Institutionen beschreiben als als positive Bindung an eine Oppositionspartei.

Auch für eine besondere publizistische Nähe zu Russland zeigt sich kein einfaches Muster. Russland ist in 46 Artikeln zentraler Bezugsraum und in insgesamt 196 Beiträgen zentraler oder relevanter Nebenbezug. Das entspricht rund 4,6 Prozent des untersuchten Korpus. Die journalistische Tonalität gegenüber Russland liegt im negativen Bereich, gegenüber Wladimir Putin noch deutlicher. Eine systematisch positive Darstellung russischer Politik oder des russischen Präsidenten ist in den aggregierten Daten nicht erkennbar. Aussagen über weiter gefasste außenpolitische Positionen – etwa Sanktionen, NATO, Waffenlieferungen oder Verhandlungen – erfordern allerdings eine gesonderte inhaltliche Auswertung dieser Konfliktachsen.

Die klarste erkennbare Blattlinie ist die ostdeutsche Perspektive. Ostdeutschland ist in 600 Artikeln zentraler Bezugsraum, das Ost-West-Verhältnis in weiteren 586. In 671 Beiträgen wird Ostdeutschland ausdrücklich als eigenständige politische, wirtschaftliche, historische oder gesellschaftliche Perspektive behandelt; in 772 werden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland thematisiert. Dieses Muster zieht sich durch den Korpus und ist wesentlich eindeutiger als eine klassische Links-Rechts-Zuordnung.

Die OAZ arbeitet erkennbar mit unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Positionen. 42,1 Prozent aller Artikel enthalten mindestens zwei substanziell unterschiedliche Positionen zu einer Streitfrage. Bei Beiträgen, in denen Politik Hauptgegenstand ist, steigt dieser Anteil auf 73,5 Prozent. Selbst bei politischen Nachrichten liegt er bei 54,2 Prozent. In Meinungsbeiträgen werden Gegenpositionen besonders häufig sichtbar. Das spricht für eine relevante Binnenpluralität des Angebots, ohne damit bereits jede Form möglicher Asymmetrie auszuschließen.

Auch die Interviews folgen eher einem offenen Gesprächsformat als einem konfrontativen Verhörformat. Von 2.104 codierten Interviewfragen wurden 75,3 Prozent als neutral oder informationssuchend klassifiziert, 19,3 Prozent als kritisch oder hinterfragend, 4,1 Prozent als zustimmend und rund 1 Prozent als konfrontativ. Interviewpartner erhalten grundsätzlich Raum, ihre Position zusammenhängend darzustellen. Dieses Muster prägt den untersuchten Interviewkorpus insgesamt.

Als Nebenbefund zeigt die Analyse, wie begrenzt eindimensionale politische Etiketten die tatsächlichen Positionen in Meinungsbeiträgen erfassen. Das eingesetzte automatisierte Klassifikationsverfahren kann Beiträge Kategorien wie „links/progressiv“, „liberal“, „konservativ“ oder „rechts/nationalkonservativ“ zuordnen. Die Sicherheit dieser Einordnung liegt jedoch deutlich unter der vieler konkreterer Merkmale. Das ist inhaltlich plausibel: Ein Beitrag kann etwa sozialpolitisch links, migrationspolitisch restriktiv, wirtschaftspolitisch liberal und außenpolitisch auf Deeskalation ausgerichtet sein. Solche Positionen sind nicht widersprüchlich, folgen aber keiner einfachen Links-Rechts-Achse. Eine simple Zuschreibung der OAZ als links oder rechts, progressiv oder konservativ lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Eher bestätigt die Analyse eine wiederkehrende politische Ambivalenz: unterschiedliche, teilweise gegenläufige Positionen bestehen nebeneinander. Gerade diese Ambivalenz spricht dafür, dass die untersuchten Texte politische Wirklichkeit abbilden.

Insgesamt entsteht ein relativ konsistentes publizistisches Profil: Der Nachrichtenteil ist parteipolitisch weitgehend neutral bis leicht kritisch. Deutlich stärkere Wertungen entstehen in Analyse und Meinung. Regierung und Institutionen werden systematisch kritischer behandelt als oppositionelle Akteure. Ostdeutsche Perspektiven und Ost-West-Unterschiede sind strukturell stark vertreten. Gleichzeitig kommen unterschiedliche politische Positionen häufig nebeneinander vor. Eine einfache Einordnung der OAZ als „rechts“, „AfD-nah“, „russlandnah“ oder parteipolitisch eindeutig ausgerichtet beschreibt dieses Muster daher nur unzureichend.

Methodisch ist die Erhebung bereits aussagekräftig, benötigt für externe Verwendung aber noch einen weiteren Validierungsschritt. Die technischen Daten und Aggregationen sind konsistent; 4.305 Artikel wurden vollständig codiert. Die parallele menschliche Kontrollcodierung einer Stichprobe wird fortgesetzt. Noch entspricht die Methodik nicht wissenschaftlichen Standards. Insbesondere Tonalität, Hinterfragen und die Trennung zwischen Autorenposition und Aussagen Dritter werden deshalb zusätzlich anhand von Stichproben kontrolliert. Die aggregierten Muster verstehen wir als belastbaren Arbeitsstand, dessen Güte wir weiter prüfen.

Diese Zusammenfassung gibt uns erstmalig eine objektive Standortbestimmung. Medien verfügen über besondere Rechte und Freiräume, die mit einer besonderen Verantwortung einhergehen. Selbstkontrolle sollte deshalb mehr sein als die Reaktion auf einzelne Beschwerden: Wir werden diese Auswertungen künftig kontinuierlich durchführen, ihre Ergebnisse transparent machen und arbeiten bereits daran, den vollständigen Datensatz für medienwissenschaftliche Arbeiten zugänglich zu machen.

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