Zwei Stunden statt zwei Zitate: Wolfgang Kubicki und Holger Friedrich im Perspektivwechsel

Was trennt, was verbindet Friedrich und Kubicki? Der Abend zeigt Unterschiede bei Freiheit, Staat, Medien und politischer Debatte – und überraschend viele gemeinsame Perspektiven.
Mit dem Perspektivwechsel bringen wir seit einiger Zeit Menschen zusammen, die unterschiedliche Erfahrungen, politische Positionen oder berufliche Hintergründe haben. Es geht nicht um ein klassisches Interview und auch nicht darum, am Ende einen Konsens herzustellen.
Am 25. August war Wolfgang Kubicki zu Gast im Theater Ost in Berlin-Adlershof. Ihm gegenüber saß Holger Friedrich.
Die Ausgangsfrage lautete diesmal: Gibt es unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit im Osten und im Westen?
Die Diskussion ging schnell darüber hinaus.
Es ging um wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Aufstieg, die Rolle des Staates, politische Verantwortung, AfD und Brandmauer, Ost-West-Erfahrungen, Russland und die Ukraine, Außenpolitik, Automobilindustrie, Innovation – und ausführlich um Medien und öffentliche Debatte.
Auf Projekt Halle wollen wir zusätzlich dokumentieren, was in dem längeren Gespräch tatsächlich zur Sprache kam.
Medien und öffentliche Debatte
Ein größerer Teil des Abends drehte sich um die Frage, wie in Deutschland öffentlich diskutiert wird.
Kubicki kritisierte eine politische Kultur, in der aus seiner Sicht häufig stärker über Haltung als über Argumente gesprochen werde. Er wandte sich gegen gesellschaftliche Ausgrenzung aufgrund politischer Auffassungen und betonte wiederholt die Bedeutung des Rechtsstaats.
Auch über Journalismus wurde ausführlich gesprochen.
Dabei widersprach Friedrich der pauschalen These, die westdeutsche Medienlandschaft sei insgesamt uniform. Er verwies auf ein breites Spektrum unterschiedlicher Medien. Gleichzeitig kritisierte er Teile des Medienbetriebs, die er als besonders laut und gleichförmig wahrnimmt.
Kubicki wiederum betonte, dass Journalisten nicht über dem Gesetz stünden. Presse- und Meinungsfreiheit seien weitreichend, hätten aber rechtliche Grenzen.
Friedrich legte den Schwerpunkt auf die Verantwortung, die mit diesen Freiheiten verbunden ist. Nicht nur einzelne Journalisten, sondern auch Ressortleitungen, Chefredaktionen, Herausgeber und Eigentümer hätten Verantwortung für die Folgen journalistischer Arbeit.
Damit kam der Abend an einen Punkt, der uns bei Projekt Halle besonders interessiert: Wie organisiert man öffentliche Debatten so, dass unterschiedliche Positionen überhaupt noch miteinander ins Gespräch kommen? Der Perspektivwechsel ist dafür eines unserer Formate.
Nicht alles passte in die üblichen politischen Schubladen
Bei einigen Fragen lagen Kubicki und Friedrich nah beieinander, bei anderen deutlich auseinander.
Kubicki formulierte beispielsweise sehr klar gegen Gleichheit als politisches Ziel. Menschen seien unterschiedlich; Politik solle ihnen ermöglichen, aus ihren Fähigkeiten das Beste zu machen.
Friedrich formulierte an dieser Stelle anders: Talente seien unterschiedlich verteilt, Chancen beziehungsweise „Opportunitäten“ sollten möglichst gleich verteilt sein. Als Bereiche nannte er unter anderem Bildung, Steuersystem und internationale Möglichkeiten.
Auch bei der Frage nach der Rolle des Staates, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, der öffentlichen Debattenkultur oder dem Umgang mit politischen Gegnern gab es sowohl Überschneidungen als auch Unterschiede.
Genau diese Unterschiede werden in einem langen Gespräch besser sichtbar als in einzelnen Zitaten.
Warum wir die Positionen zusätzlich dokumentieren
Nach der Veranstaltung haben wir das Gespräch deshalb noch einmal vollständig durchgearbeitet.
Dabei ging es nicht darum, eine gemeinsame politische Linie zu formulieren oder die beiden Gesprächspartner nachträglich einzuordnen.
Wir wollten zunächst eine einfachere Frage beantworten:
Welche Positionen haben Wolfgang Kubicki und Holger Friedrich an diesem Abend tatsächlich vertreten?
Dafür haben wir die Aussagen thematisch geordnet.
Wo jemand selbst eine Position formuliert, wird sie als eigene Aussage wiedergegeben. Wo einer lediglich dem anderen zustimmt, wird das kenntlich gemacht. Persönliche Vermutungen oder Erzählungen werden nicht als Tatsachenbehauptungen dargestellt.
So entsteht neben dem journalistischen Artikel eine ausführlichere Dokumentation des Abends.
Anhang: Positionen von Holger Friedrich
Die folgende Übersicht gibt Positionen wieder, die sich aus dem Gespräch unmittelbar belegen lassen. Zustimmungen zu Aussagen des Gesprächspartners sowie ausdrücklich als Hypothese oder persönliche Einschätzung formulierte Aussagen werden entsprechend gekennzeichnet.
[Übersicht der Positionen Holger Friedrichs.]
Das vollständige Gespräch
Wer sich die Veranstaltung vollständig ansehen und sich selbst ein Bild machen möchte, findet hier die Aufzeichnung:
Wolfgang Kubicki und Holger Friedrich im Perspektivwechsel im Theater Ost – vollständiges Gespräch