„Ihr haltet uns auf“: Jakob Augstein und Holger Friedrich im Perspektivwechsel

Ein Gespräch über westdeutsche Gewissheiten, ostdeutsche Transformationserfahrung, Medienmacht, Krieg und Frieden – und darüber, warum alte Ordnungsmuster nicht mehr zutreffen.
Mit dem Perspektivwechsel bringen wir Menschen zusammen, die unterschiedliche Erfahrungen, politische Positionen oder berufliche Hintergründe haben. Es geht nicht darum, am Ende einen Konsens herzustellen.
Zum Auftakt der Reihe saßen sich im Theater Ost zwei Verleger gegenüber: Jakob Augstein, aufgewachsen in Hamburg, und Holger Friedrich, geboren in Ost-Berlin.
Die Ausgangsfrage war eine deutsch-deutsche: Was sehen Ost- und Westdeutsche unterschiedlich, mehr als 35 Jahre nach dem Mauerfall?
Das Gespräch führte schnell weiter. Es ging um Politik und politische Eliten, Medien und ihre Macht, die Aufarbeitung der DDR, Egon Krenz, Russland und die USA, Krieg und Frieden, wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland, die AfD und schließlich um die Frage, ob gesellschaftliche Entwicklungen überhaupt gestaltbar sind.
Gerade dabei zeigte sich eine interessante Konstellation: Friedrich und Augstein lagen in einigen Fragen näher beieinander, als die Etiketten „Ost“ und „West“ vermuten lassen. An einer grundlegenden Frage gingen ihre Perspektiven aber auseinander.
Der Westen erlebt Veränderung
Augstein begann mit einer These, die auch von Friedrich hätte stammen können. Die bisherige westliche Ordnung verliere ihre Gewissheiten. Der Westen erlebe heute Veränderungen, die ihn ähnlich durchschüttelten wie 1989/90 den Osten.
Friedrich widersprach nur beim Zeitpunkt. So weit sei der Westen noch nicht. Vielleicht befinde er sich eher im Jahr 1987.
Daraus leitete Friedrich eine seiner zentralen Thesen des Abends ab: Ostdeutsche hätten bereits Erfahrungen mit einem fundamentalen Systembruch gesammelt. Sie hätten erlebt, wie Gewissheiten verschwinden, Institutionen ihre Autorität verlieren und innerhalb kurzer Zeit eine neue Ordnung entsteht.
Diese Erfahrung werde heute zu wenig genutzt.
Seine Zuspitzung: „Ihr haltet uns auf.“
Gemeint war damit nicht jeder einzelne Westdeutsche. Friedrich kritisierte Strukturen, die seiner Ansicht nach an überkommenen Gewissheiten festhalten und notwendige Veränderungen verzögern.
Augstein reagierte zunächst skeptisch auf das „wir“, „ihr“ und „uns“. Am Ende des Abends kam er auf den Satz zurück. Er sei eine „echte Provokation“ und Friedrich solle versuchen, ihn „so richtig groß“ in die Öffentlichkeit zu tragen.
Wo Augstein Friedrich zustimmt
Auch bei der deutschen Einheit war der Gegensatz kleiner als erwartet.
Augstein berichtete aus seiner Zeit als Reporter im Osten. Gerade bei der Aufarbeitung der Stasi habe er erfahren, wie viel komplizierter die ostdeutsche Wirklichkeit gewesen sei, als sie im Westen wahrgenommen wurde. Viele Westdeutsche hätten diese Komplexität gar nicht genauer kennenlernen wollen.
Das Problem bestehe bis heute. Augstein sprach von einem „normierten Blick auf den Osten“. Wenn Ostdeutsche diesem Blick nicht entsprächen, reagiere der Westen mit Desinteresse oder Ablehnung.
Besonders deutlich wurde das beim Gespräch über Egon Krenz und den Umgang mit den früheren Eliten der DDR.
Augstein bezeichnete die DDR ausdrücklich als Unrechtsstaat. Zugleich kritisierte er die Art ihrer nachträglichen Aufarbeitung. Die Behandlung von Krenz und anderen sei teilweise von einem westdeutschen Bedürfnis geprägt gewesen, die DDR vollständig aus der gemeinsamen Geschichte herauszuschneiden. Zugehörigkeit habe faktisch bedeutet: Ihr gehört zu uns, wenn ihr unsere Bewertung eurer Vergangenheit übernehmt.
Darin sieht Augstein einen „Urfehler“ der Wiedervereinigung.
Friedrich argumentierte ähnlich, zog daraus aber eine andere Konsequenz. Ein friedlicher Machtverzicht müsse auch als solcher anerkannt werden. Wer Verantwortliche eines friedlichen Übergangs anschließend vollständig demontiere, sende ein problematisches Signal an andere Machthaber: Gib deine Macht besser nicht freiwillig ab.
Für Friedrich ist die Aufarbeitung deshalb noch nicht abgeschlossen. Er verbindet damit die Hoffnung auf einen innerdeutschen Frieden, der Fehler benennt, Leistungen anerkennt und anschließend den Blick nach vorn richtet.
Ostdeutschland: strukturell benachteiligt oder unterschätzte Zukunftsregion?
Hier gingen die Perspektiven deutlicher auseinander.
Augstein verwies auf niedrigere Einkommen, geringeres Vermögen und geringere Erbschaften im Osten. Diese Unterschiede könnten sich über Generationen fortsetzen. Auch Bevölkerungsverluste wertete er als Warnsignal.
Friedrich widersprach der daraus entstehenden Gesamterzählung.
Er verwies auf Tesla in Brandenburg, die Halbleiterindustrie in Sachsen und andere industrielle Investitionen. Ostdeutschland verfüge über Fläche, Infrastruktur, Natur, Bildungsniveau und Transformationserfahrung. Viele Beschreibungen des Ostens hielten einer genaueren Prüfung nicht stand.
Augstein hielt dagegen, Friedrich argumentiere mit Leuchttürmen, während aggregierte Daten weiterhin strukturelle Unterschiede zeigten.
Damit standen zwei unterschiedliche Perspektiven nebeneinander: Augstein schaut stärker auf bestehende soziale Ungleichheit. Friedrich stärker auf vorhandene Potenziale und die nächsten Jahrzehnte.
Die AfD und die Wirklichkeit des Ostens
Auch bei der AfD entstand keine einfache Lagerordnung.
Friedrich kritisierte die mediale Darstellung von AfD-Politikern und berichtete von eigenen Gesprächen. Tino Chrupalla beispielsweise habe er als erfolgreichen Handwerker und Unternehmer kennengelernt, dessen politische Lösungen man diskutieren könne, der aber nicht dem medial vermittelten Bild eines „Monsters“ entspreche.
Augstein hielt dagegen, dass die politische Realität der AfD selbst Auswirkungen habe. Eine internationale Fachkraft könne durchaus zögern, nach Sachsen zu ziehen, wenn dort eine Partei mit Forderungen nach massenhafter Remigration große politische Macht erlange.
Später formulierte Augstein einen anderen Gedanken: Gerade wenn die AfD im Osten Regierungsverantwortung übernehme, brauche es dort eine starke publizistische Öffentlichkeit. Westdeutsche Medien seien dafür aus seiner Sicht schlecht aufgestellt. Eine ostdeutsche Zeitung könne diese Aufgabe möglicherweise besser erfüllen.
Die Ostdeutsche Allgemeine bezeichnete er deshalb als sinnvolles und spannendes Projekt. Die publizistische Verarbeitung neuer politischer Realitäten könne sogar zur Demokratisierung der AfD beitragen.
Sicherheit mit Russland
Auch außenpolitisch lagen beide näher beieinander, als man vermuten könnte.
Friedrich warb für eine europäische Sicherheitsarchitektur, die nicht allein auf militärischer Abschreckung beruht. Sein Zielbild geht weit: Staaten sollten Konflikte langfristig ähnlich regelgebunden austragen wie Menschen innerhalb eines Rechtsstaats.
Augstein hielt das für politisch kaum realistisch. Es gebe keine funktionierende Weltgesellschaft, keine Weltpolizei und keinen unabhängigen Schiedsrichter, der Großmächte wirksam zwingen könne.
In der konkreten Analyse Europas kamen beide dennoch zu einem ähnlichen Ergebnis.
Augstein bezweifelte offen die Verlässlichkeit der amerikanischen Sicherheitsgarantie und sagte, Europa müsse begreifen, dass es den Kontinent mit Russland teile. Sicherheit in Europa könne es deshalb nur mit Russland geben, nicht gegen Russland.
Friedrichs Schlussfolgerung geht wiederum weiter: Wenn die bisherige Sicherheitsordnung erodiert, müsse Deutschland aktiv über eine neue nachdenken.
Hier zeigt sich der grundlegende Unterschied des Abends erneut.
Was sollen Medien tun?
Am deutlichsten wurde er beim Verständnis von Journalismus.
Augstein hält es für eine Selbstüberschätzung von Journalisten, gesellschaftliche Entwicklungen steuern oder verhindern zu wollen. Journalisten sollten beobachten, beschreiben, kritisieren und verstehen. Sie seien nicht dafür zuständig, Lösungen zu liefern.
Friedrich stimmte beim letzten Punkt zu: Journalisten seien nicht die besseren Politiker. Ihre Aufgabe sei es, intelligentere Fragen zu stellen und Verhältnisse zu hinterfragen.
Bei der Wirkung von Medien widersprach er Augstein aber entschieden.
Medien könnten Entwicklungen verstärken oder dämpfen. Deshalb hätten sie Verantwortung. Friedrich beschrieb das publizistische Prinzip des Berliner Verlags als Wettbewerb unterschiedlicher Perspektiven: Der ukrainische Botschafter soll seine Sicht darstellen können, der russische ebenfalls. Der russische Angriff auf die Ukraine werde dadurch nicht relativiert. Die Bewertung der Argumente solle aber nicht vollständig vorweggenommen werden.
Augstein hält schon den Anspruch, gesellschaftliche Entwicklungen publizistisch steuern zu wollen, für problematisch.
Zwei Diagnosen – und eine entscheidende Differenz
Der Abend produzierte keine einfache Ost-West-Konfrontation.
Augstein kritisierte selbst westdeutsche Gewissheiten, den Umgang mit Ostdeutschland, die alte Vorstellung amerikanischer Sicherheitsgarantien und das Selbstverständnis deutscher Medien. Friedrich fand darin vieles wieder.
Der Unterschied liegt tiefer.
Augstein beschreibt gesellschaftliche Entwicklungen als große Kräfte, deren Verlauf der Einzelne und auch Medien nur begrenzt beeinflussen können. Sein Menschenbild ist ausdrücklich pessimistisch. Menschen suchten Gegner, Gruppen verstärkten diesen Mechanismus, und auch Kriege seien deshalb nicht einfach durch vernünftige Regeln aus der Welt zu schaffen.
Friedrich denkt stärker vom Eingriff aus. Wenn Systeme nicht mehr funktionieren, müsse man sie analysieren, Alternativen entwickeln und verändern. Die Erfahrung des Ostens ist für ihn deshalb keine historische Besonderheit, sondern ein möglicher Vorteil für die Gegenwart.
Am Ende blieb ausgerechnet bei Augstein ein Satz hängen:
„Ihr haltet uns auf.“
Vielleicht liegt genau darin der Zweck eines Perspektivwechsels. Nicht darin, dass einer den anderen überzeugt. Sondern darin, dass nach zwei Stunden ein Satz des anderen im eigenen Kopf weiterarbeitet.
Warum wir die Positionen zusätzlich dokumentieren
Nach der Veranstaltung haben wir das Gespräch noch einmal vollständig durchgearbeitet.
Dabei geht es nicht darum, Friedrich und Augstein nachträglich einer gemeinsamen politischen Linie zuzuordnen. Im Gegenteil: Gerade dieses Gespräch zeigt, wie wenig politische Positionen in einfache Ost-West- oder Links-Rechts-Schemata passen.
Deshalb dokumentieren wir zusätzlich, welche Positionen beide an diesem Abend tatsächlich vertreten haben.
Eigene Aussagen werden als solche wiedergegeben. Persönliche Einschätzungen, Hypothesen und zugespitzte Formulierungen werden nicht nachträglich zu Tatsachenbehauptungen gemacht.
Anhang I: Positionen von Holger Friedrich
[Übersicht der Positionen Holger Friedrichs]
Anhang II: Positionen von Jakob Augstein
[Übersicht der Positionen Jakob Augsteins]
Das vollständige Gespräch
Wer sich die Veranstaltung vollständig ansehen und sich selbst ein Bild machen möchte, findet hier die Aufzeichnung.