Holger Friedrich bei Weltwoche: Deutschland als Sanierungsfall

Holger Friedrich bei Weltwoche: Deutschland als Sanierungsfall

Warum Ostdeutschland für Friedrich Frühindikator statt Problemzone ist, weshalb er die Brandmauer ablehnt und welche Rolle Neutralität, direkte Demokratie und Medienkritik dabei spielen.

Holger Friedrich war bei Die Weltwoche zu Gast. Im rund 76-minütigen Interview spricht der Verleger und Unternehmer über den Zustand Deutschlands, Ostdeutschland, die AfD, die Brandmauer, Medien, direkte Demokratie und die deutsche Außenpolitik. Seine Diagnose ist deutlich: Deutschland habe kein kurzfristiges Stimmungsproblem, sondern strukturelle Probleme, die Politik und Institutionen zu lange nicht ausreichend bearbeitet hätten.

„Der Status quo wird kaputtgehen. Die Frage ist nur, wann“, sagt Friedrich. Dabei prognostiziert er keinen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch. Er vergleicht Deutschland vielmehr mit einem Unternehmen, das von seiner Substanz leben und strukturelle Fehler lange überdecken könne – bis deren Folgen sichtbar werden.

Wahlergebnisse als Symptom

Ausgangspunkt des Gesprächs ist die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt. Friedrich hält die Ergebnisse nicht für überraschend. Entscheidend sei vielmehr die zunehmende Distanz zwischen der Wahrnehmung des politischen und medialen Establishments und der Lebenswirklichkeit insbesondere in Ostdeutschland. Er fordert deshalb eine „ehrliche Bestandsaufnahme“.

Zu den strukturellen Problemen zählt Friedrich einen über Jahrzehnte sinkenden Bildungsstandard, die demografische Entwicklung und Defizite beim Umgang mit modernen Technologien. Hohe Abgaben, Regulierung und administrative Eingriffe machten Deutschland zugleich weniger attraktiv für leistungsfähige Menschen. Die Folge sei ein Brain Drain unter anderem in die Schweiz, die USA und die Golfstaaten.

Als tieferliegende Ursache nennt er „Hochmut“ und „Standesdünkel“. Teile der deutschen Eliten orientierten sich weiterhin an den politischen und wirtschaftlichen Gewissheiten der alten Bundesrepublik, obwohl sich die Rahmenbedingungen fundamental verändert hätten.

Ostdeutschland als Frühindikator

Eine der zentralen Thesen Friedrichs lautet, Ostdeutschland sei nicht der rückständige Teil Deutschlands, sondern gegenwärtig „die Avantgarde der politischen Entwicklung“. Gemeint ist: Veränderungen und Konflikte würden dort früher sichtbar, könnten später aber auch andere Teile Deutschlands erreichen.

Den politischen Veränderungsdruck sieht Friedrich nicht ausschließlich auf der rechten Seite. Junge Menschen wählten im Osten verstärkt AfD oder Linke, weil etablierte Strukturen die von ihnen erwarteten Veränderungen nicht lieferten. Er sagt dazu sogar: „Wenn ich heute jung wäre, würde ich auch bei den Linken Kreuz machen.“

Brandmauer und Demokratie

Die Brandmauer hält Friedrich für einen strategischen Fehler. Sie verschiebe eine ohnehin anstehende Veränderung, ohne deren Ursachen zu bearbeiten. Gleichzeitig stellt er klar, dass er nicht mit jedem reden wolle: Extremisten und Menschen, die Gewalt anwenden, schließt er ausdrücklich aus.

Grundsätzlich müsse politische Auseinandersetzung aber möglich bleiben. Den Diskurs durch eine Brandmauer zu verweigern, bezeichnet Friedrich als „antizivilisatorischen Akt“.

Als Alternative schlägt er stärker kompetenzorientierte Runde Tische nach dem Vorbild von 1989/90 vor. Dort solle zunächst ein langfristiges Zielbild für Deutschland entwickelt und erst anschließend darüber diskutiert werden, wie dieses erreicht werden könne. Als Leitplanken nennt er Gewaltfreiheit, Generationengerechtigkeit, sozialen Ausgleich und eine humanistische Perspektive. Außerdem wünscht er sich seit Jahrzehnten mehr direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild.

AfD, Siegmund und klare Grenzen

Auf die Frage, ob ihm ein Ministerpräsident Ulrich Siegmund Bauchschmerzen bereiten würde, antwortet Friedrich: „Nein, auf gar keinen Fall.“ Nach einer persönlichen Begegnung bezeichnet er Siegmund als „coolen Typ“.

Unmittelbar danach zieht Friedrich jedoch eine klare Grenze gegenüber ethnisch-nationalen Vorstellungen: „Deutschland wird nicht wieder weiß und deutsch-national homogen. Das ist vorbei.“ Deutschland solle vielmehr interessante und leistungsfähige Menschen aus aller Welt anziehen. Auch von extremistischen Positionen müsse man sich klar abgrenzen.

Russland, Ukraine und Neutralität

Auch seine Russlandposition formuliert Friedrich differenziert. „Die Russen sind für mich kein Feind und ich möchte mit den Russen in Frieden leben“, sagt er. Das Vorgehen der russischen Führung in der Ukraine bezeichnet er zugleich ausdrücklich als „Verbrechen“, das gestoppt werden müsse.

Für Deutschland wünscht sich Friedrich außenpolitisch eine defensivere und stärker vermittelnde Rolle. Als Vorbild nennt er die Schweiz und deren Neutralität. Gerade aus der deutschen Geschichte und der Verantwortung für Krieg und Holocaust leitet er eine besondere Verpflichtung zu militärischer Zurückhaltung und Konfliktmoderation ab.

Medien und eigener publizistischer Anspruch

Friedrich kritisiert ein geschlossenes Bezugssystem zwischen Politik und Teilen der Medien, das eine „Scheinwirklichkeit“ erzeugen könne. Diese Wahrnehmung sei auch ein Motiv für den Kauf des Berliner Verlags gewesen.

Seine damalige Motivation beziffert er selbst mit „51 zu 49“: 51 Prozent seien der Eindruck gewesen, dass mediale Wirklichkeit und eigene Lebenswirklichkeit nicht mehr zusammenpassten. 49 Prozent seien der Wunsch gewesen, ostdeutschen Erfahrungen eine zusätzliche Plattform zu geben – „nicht gegen, sondern ergänzend“ zu westdeutschen Perspektiven.

Deutschlands Zukunft

Für die kommenden Jahrzehnte zeichnet Friedrich ein pessimistisches Bild. Er vergleicht Deutschland mit Venedig: einst wirtschaftliche Großmacht, heute vor allem Kultur- und Tourismusort. Deutschland könne landschaftlich und kulturell attraktiv bleiben, zugleich aber wirtschaftlich deutlich an Bedeutung verlieren.

Trotzdem will Friedrich bleiben. „Ich bin hier geboren, ich bin hier groß geworden, ich lebe eigentlich gerne hier“, sagt er. Seine Haltung fasst er mit einem Satz zusammen: „Bleibe im Land und wehre dich täglich.“

Das gesamte Gespräch bei Die Weltwoche.