Perspektivwechsel – Theater Ost, Januar 2026
Die folgende Übersicht gibt Positionen wieder, die Jakob Augstein im Verlauf des Gesprächs formuliert hat. Persönliche Einschätzungen, biografische Erfahrungen und rhetorische Zuspitzungen werden von grundsätzlichen Positionen unterschieden.
Zentrale Positionen von Jakob Augstein
- Die bisherige westliche Ordnung zerfällt: Augstein hält die Vorstellung einer konsequent regelbasierten Weltordnung für eine Fiktion, die dem Westen lange genutzt habe.
- Der Westen erlebt einen eigenen Systembruch: Die gegenwärtigen Veränderungen im Westen vergleicht er in ihrer grundsätzlichen Dimension mit den Umbrüchen, die Ostdeutsche 1989/90 erlebt haben.
- Das deutsche politische Personal überzeugt ihn nicht: Das Problem sieht Augstein weniger in klassischer Korruption als in Auswahl, Qualität und Wirkung des politischen Personals.
- Politik ist ein eigener Beruf: Anders als Friedrich hält er starke Professionalisierung und Kontinuität politischer Karrieren grundsätzlich für sinnvoll.
- Der Westen hat Ostdeutschland unzureichend verstanden: Die Wirklichkeit der DDR und ihrer Biografien sei komplexer gewesen, als sie in der westdeutschen Öffentlichkeit dargestellt wurde.
- Die Wiedervereinigung hatte einen grundlegenden westdeutschen Fehler: Ostdeutsche seien zu stark danach beurteilt worden, ob sie westdeutsche Bewertungen ihrer eigenen Vergangenheit übernahmen.
- Identitätspolitik lehnt Augstein grundsätzlich ab: Statt Gruppenidentitäten bevorzugt er universalistische Regeln, die für alle gelten.
- Ostdeutschland bleibt strukturell benachteiligt: Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftsunterschiede könnten sich über Generationen fortsetzen.
- Europäische Sicherheit ist nur mit Russland möglich: Die amerikanische Sicherheitsgarantie hält Augstein für zunehmend unglaubwürdig.
- Journalismus soll beobachten und kritisieren, nicht Geschichte steuern: Den Anspruch von Medien, gesellschaftliche Entwicklungen lenken zu können, hält er für Selbstüberschätzung.
- Sein Menschenbild ist pessimistisch: Gruppenbildung, Gegnerdenken und Krieg hält Augstein für tief im menschlichen Verhalten verankert.
Detaillierte Übersicht
1. Die sogenannte regelbasierte Weltordnung war nie konsequent regelbasiert
Augstein stimmt der von Mark Carney formulierten Kritik an der bisherigen Weltordnung zu. Regeln hätten aus seiner Sicht immer nur teilweise und für bestimmte Akteure gegolten. Der Westen habe diese Ordnung dennoch mitgetragen, weil sie ihm nutzte.
2. Der Westen erlebt heute eine Transformation von historischer Größenordnung
Augstein vergleicht die gegenwärtigen Veränderungen im Westen ausdrücklich mit dem Umbruch, den Ostdeutschland 1989/90 erlebt hat. Der Maßstab der Veränderung sei vergleichbar.
3. Migration hält Augstein nicht für Deutschlands größtes Problem
Augstein sagt ausdrücklich, er gehöre nicht zu denen, die Migration als das zentrale deutsche Problem betrachten. Gleichzeitig erkennt er an, dass viele Bürger dies anders sehen und Politik darauf reagieren müsse.
4. Das gegenwärtige deutsche politische Personal hält Augstein für unzureichend
Augstein kritisiert nicht grundsätzlich Politiker oder politische Arbeit. Er betont, dass die meisten hart arbeiteten und nicht primär persönliche Bereicherung suchten. Sein Problem ist vielmehr die Auswahl des politischen Personals und dessen Fähigkeit, Menschen politisch zu erreichen.
5. Klassische Korruption ist für Augstein nicht Deutschlands zentrales politisches Problem
Augstein hält klassische persönliche Bereicherung in der deutschen Politik für vergleichsweise selten. Die wesentlichen Probleme des politischen Systems liegen für ihn an anderer Stelle.
6. Politik ist ein Beruf, der gelernt werden muss
Augstein widerspricht Friedrichs Vorstellung stärkerer personeller Rotation. Moderne Politik sei aufgrund komplexer Verfahren, Materien und Informationsmengen ein hochspezialisierter Beruf. Professionalisierung könne Stabilität schaffen.
7. Politische Kontinuität kann demokratische Stabilität fördern
Augstein verweist auf Italien und die Schweiz. Politische Klassen, deren Akteure sich langfristig wieder begegnen, könnten Kompromissfähigkeit und institutionelle Stabilität fördern. Dass dieselben Strukturen auch Korruption und Mauschelei begünstigen können, erkennt er ausdrücklich als Nachteil an.
8. Journalisten sollten sich nicht für die besseren Politiker halten
Augstein kritisiert ein journalistisches Selbstverständnis, das glaubt, politische Probleme besser lösen zu können als die Politik selbst. Journalismus müsse keine politischen Lösungen liefern.
9. Westdeutsche Nostalgie ist ein unterschätztes Phänomen
Augstein prägt im Gespräch den Begriff „Westalgie“. Teile Westdeutschlands hielten aus seiner Sicht ebenso an vergangenen Gewissheiten fest, wie es Ostdeutschen häufig unter dem Begriff Ostalgie vorgeworfen werde.
10. Eine einheitliche ostdeutsche Identität hält Augstein für problematisch
Aus seiner Reporterzeit erinnert Augstein vor allem starke regionale Unterschiede zwischen Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen und anderen ostdeutschen Ländern. Diese erschienen ihm teilweise stärker als eine gemeinsame ostdeutsche Identität.
11. Der Westen hat die Komplexität der DDR nicht ausreichend verstanden
Augstein nennt insbesondere die Stasi-Aufarbeitung als Beispiel. Die tatsächlichen Lebensgeschichten und Verstrickungen seien erheblich komplexer gewesen, als die westdeutsche Öffentlichkeit sie wahrgenommen habe.
12. Viele Westdeutsche wollten diese Komplexität nicht genauer verstehen
Augstein sagt ausdrücklich, er habe nicht den Eindruck gehabt, dass viele Menschen im Westen die DDR-Wirklichkeit wirklich so genau kennenlernen wollten. Komplexität sei in der Wahrnehmung geglättet worden.
13. Der normierte westdeutsche Blick auf den Osten besteht bis heute fort
Augstein sieht auch Jahrzehnte später die Erwartung, Ostdeutsche müssten einer bestimmten Interpretation ihrer Geschichte entsprechen. Abweichungen würden teilweise mit Desinteresse oder Ablehnung beantwortet.
14. Die mediale Behandlung Gregor Gysis hält Augstein für ein Beispiel westdeutscher Fehlwahrnehmung
Augstein kritisiert rückblickend insbesondere den Spiegel für dessen jahrelangen Umgang mit Gregor Gysi. Er beschreibt dies als überzogene und verselbstständigte Kampagne.
15. Identitätspolitik hält Augstein grundsätzlich für schädlich
Augstein lehnt politische Ordnung entlang von Gruppenidentitäten ab – unabhängig davon, ob es sich um Ostdeutsche, AfD-Wähler, sexuelle Minderheiten oder andere Gruppen handelt. Sein Gegenmodell ist Universalismus: dieselben grundlegenden Regeln für alle.
16. Der Umgang mit ehemaligen DDR-Funktionären war teilweise unangemessen
Augstein würdigt ausdrücklich Egon Krenz’ Rolle bei der Einschränkung des Schusswaffengebrauchs 1989. Zugleich weist er darauf hin, dass Krenz diese Veränderung auch früher hätte herbeiführen können.
17. Die DDR war für Augstein ein Unrechtsstaat
Augstein begründet dies unter anderem mit den eingeschränkten Möglichkeiten des Einzelnen, staatliche Entscheidungen gerichtlich überprüfen zu lassen. Einen Vergleich der DDR mit der NS-Diktatur lehnt er jedoch scharf ab.
18. Die juristische Aufarbeitung der DDR hatte für Augstein Elemente von „Siegerjustiz“
Augstein verwendet diesen Begriff ausdrücklich. Er kritisiert insbesondere die Behandlung ehemaliger DDR-Funktionäre und warnt vor einer juristischen Geschichtsaufarbeitung, die historische Komplexität reduziert.
19. Der Westen versuchte nach 1989, Teile der DDR-Geschichte zu „exorzieren“
Augstein beschreibt die Haltung zugespitzt so: Ostdeutsche hätten dazugehören dürfen, sofern sie westdeutsche Bewertungen übernähmen und ihre eigene Vergangenheit vollständig verwarfen. Dies bezeichnet er als einen „Urfehler“ der Wiedervereinigung.
20. Weltfrieden durch eine übergeordnete internationale Rechtsordnung hält Augstein derzeit für unrealistisch
Augstein widerspricht Friedrichs Vorstellung eines regelgebundenen internationalen Gewaltmonopols. Es existiere keine funktionierende Weltgesellschaft mit wirksamer Justiz und Exekutive, die Großmächte tatsächlich kontrollieren könne.
21. Menschen wollen nach Augsteins Einschätzung nicht zwangsläufig Frieden
Augstein formuliert ausdrücklich ein pessimistisches Menschenbild. Gegner und Konflikte stifteten Gruppenzusammenhalt; viele Menschen würden deshalb auf die Möglichkeit des Krieges nicht freiwillig verzichten.
22. Das internationale Recht befindet sich in einer schweren Krise
Augstein sieht das Problem darin, dass mächtige Staaten Regeln brechen können, ohne von einer übergeordneten Instanz wirksam sanktioniert zu werden. Die Vereinten Nationen erfüllen diese Funktion aus seiner Sicht gegenwärtig nicht.
23. Deutschland ist außenpolitisch eine Mittelmacht
Augstein hält den deutschen Einfluss auf die globale Ordnung für begrenzt. Daraus folgt für ihn eine realistischere und zurückhaltendere Einschätzung deutscher Gestaltungsmöglichkeiten.
24. Augstein glaubt nicht, dass Putin Deutschland angreifen will
Dies formuliert er ausdrücklich als seine persönliche Einschätzung. Zugleich erkennt er an, dass Bundeskanzler Friedrich Merz offenbar von einer anderen Gefahreneinschätzung ausgeht und politisch auf dieser Grundlage handeln muss.
25. Auf die amerikanische Sicherheitsgarantie sollte Europa sich nicht verlassen
Augstein sagt, er habe schon als Jugendlicher daran gezweifelt, dass die USA im Ernstfall eigene Städte für die Verteidigung Europas riskieren würden. Unter Donald Trump sieht er diese Zweifel zusätzlich bestätigt.
26. Sicherheit in Europa kann es nur mit Russland geben
Augstein formuliert ausdrücklich, Europa teile den Kontinent mit Russland und müsse deshalb zu einer Sicherheitsordnung gelangen, die Russland einbezieht. Sicherheit gegen Russland hält er nicht für dauerhaft tragfähig.
27. Eine neue deutsche Nationalhymne hält Augstein für eine Stellvertreterdebatte
Statt symbolische Fragen neu zu verhandeln, möchte Augstein konkrete soziale Unterschiede zwischen Ost und West diskutieren.
28. Ostdeutschland ist weiterhin strukturell benachteiligt
Augstein verweist auf niedrigere Einkommen, geringere Vermögen und geringere Erbschaften. Diese Unterschiede könnten sich aufgrund von Vermögensrenditen und Erbschaften über weitere Generationen fortsetzen.
29. Friedrichs wirtschaftliche Beispiele widerlegen für Augstein die strukturellen Unterschiede nicht
Tesla oder große Halbleiterinvestitionen betrachtet Augstein als mögliche Leuchttürme. Ihnen stellt er aggregierte Daten zu Einkommen, Vermögen und Bevölkerungsentwicklung gegenüber. Er hält ausdrücklich für möglich, dass beide Beobachtungen gleichzeitig zutreffen.
30. Soziale Lage beeinflusst politisches Verhalten
Augstein hält die Verbindung zwischen materieller Deklassierung und politischer Unzufriedenheit grundsätzlich für plausibel. Er formuliert dies in Anlehnung an die Vorstellung, dass gesellschaftliches Sein politisches Bewusstsein prägt.
31. Rechtsextreme Politik kann ein Standortproblem sein
Augstein widerspricht der These, allein negative Medienberichte hielten internationale Fachkräfte vom Osten fern. Die Aussicht auf eine starke Partei, die massenhafte Remigration fordert, könne für ausländische Fachkräfte selbst ein rationaler Grund gegen einen Standort sein.
32. Die Ostdeutsche Allgemeine hält Augstein für ein sinnvolles publizistisches Projekt
Augstein sieht eine publizistische Lücke, weil westdeutsche Medien seiner Einschätzung nach schlecht darauf vorbereitet seien, neue politische Realitäten im Osten angemessen abzubilden.
33. Eine ostdeutsche Zeitung könnte beim demokratischen Umgang mit der AfD eine wichtige Rolle spielen
Wenn die AfD politische Macht erlange, müsse diese Realität journalistisch verarbeitet werden. Augstein hält eine ostdeutsche Zeitung dafür grundsätzlich für besser positioniert als viele westdeutsche Medien. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer möglichen „Demokratisierung der AfD“.
34. Journalisten sollten historische Entwicklungen nicht steuern wollen
Augstein lehnt den Anspruch ab, Journalismus müsse gesellschaftliche Entwicklungen stoppen, umlenken oder herbeiführen. Er hält dies für eine Selbstüberschätzung von Medienakteuren.
35. Große gesellschaftliche Veränderungen sind stärker als einzelne Medienakteure
Augstein interpretiert gegenwärtige Veränderungen als langfristige gesellschaftliche und ökonomische Wellenbewegungen, die unter anderem mit der Entwicklung des Kapitalismus zusammenhängen. Medien könnten diese aus seiner Sicht kaum grundlegend kontrollieren.
36. Augstein fühlt sich mit dem Begriff „Journalist“ nicht mehr wohl
Er bezeichnet sich eher als Publizisten. Seine Distanz begründet er mit der Entwicklung klassischer und sozialer Medien sowie mit einem journalistischen Selbstverständnis, mit dem er sich nicht identifizieren möchte.
37. Gruppen machen Augstein grundsätzlich misstrauisch
Augstein sagt, mit einzelnen Menschen könne man meist reden, Gruppen dagegen entwickelten eigene Dynamiken. Diese Einschätzung bildet einen wesentlichen Teil seines pessimistischen Menschenbildes.
38. Krieg erfüllt nach Augsteins Auffassung auch psychologische Funktionen
Krieg schaffe klare Gegner, gemeinsame Ziele und überlagere andere gesellschaftliche Konflikte. Augstein sieht darin einen Grund, weshalb menschliche Gesellschaften Krieg trotz seiner zerstörerischen Folgen immer wieder hervorbringen.
39. Die gegenwärtige Rede von „Kriegstüchtigkeit“ beunruhigt Augstein persönlich
Aus seiner westdeutschen Sozialisation im Kalten Krieg beschreibt Augstein eine starke persönliche Angst vor militärischer Eskalation. Die heutige Normalisierung entsprechender Begriffe empfindet er deshalb als beunruhigend.
40. „Ihr haltet uns auf“ hält Augstein für eine produktive Provokation
Obwohl er sich selbst ausdrücklich nicht als richtigen Adressaten von Friedrichs Ost-West-Vorwurf betrachtet, hebt Augstein den Satz am Ende noch einmal hervor. Er bezeichnet ihn als interessant und als „echte Provokation“, die Friedrich öffentlich weiterverfolgen sollte.