Perspektivwechsel – Theater Ost, Januar 2026
Die folgende Übersicht gibt Positionen wieder, die sich aus dem Gespräch unmittelbar belegen lassen. Persönliche Erfahrungen, Hypothesen und rhetorische Zuspitzungen werden von grundsätzlichen Positionen unterschieden.
Zentrale Positionen von Holger Friedrich
- Ostdeutsche Transformationserfahrung ist eine Ressource: Der Osten habe einen fundamentalen Systembruch bereits erlebt. Dieses Erfahrungswissen könne Deutschland bei den bevorstehenden Veränderungen helfen.
- „Ihr haltet uns auf“: Teile westdeutscher Politik, Medien und Institutionen hielten an überkommenen Gewissheiten fest und erschwerten dadurch notwendige Veränderungen.
- Politik soll gestalten, Verwaltung verwalten: Politik müsse Ziele und Rahmenbedingungen setzen, statt Märkte und gesellschaftliche Prozesse kleinteilig zu steuern.
- Märkte brauchen Freiraum: Zu starke staatliche Eingriffe setzten Marktmechanismen und Effizienz außer Kraft.
- Politik braucht mehr Durchlässigkeit: Politische Karrieren sollten nicht zu geschlossenen Lebensberufen werden. Friedrich schlägt zeitliche Begrenzungen politischer Ämter und einen stärkeren Generationswechsel vor.
- Medien haben Wirkung und deshalb Verantwortung: Journalismus soll unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen. Medien könnten gesellschaftliche Entwicklungen verstärken oder dämpfen und müssten sich dieser Wirkung bewusst sein.
- Ostdeutschland ist eine Zukunftsregion: Die verbreitete Defiziterzählung über den Osten unterschätze Infrastruktur, Industrie, Bildung, Fläche und Transformationserfahrung.
- Deutschland braucht eine neue Sicherheitsarchitektur: Dauerhafte Sicherheit könne nicht allein durch Aufrüstung und Konfrontation entstehen. Friedrich plädiert langfristig für regelgebundenen internationalen Interessenausgleich und Gewaltverzicht.
- Innerdeutsche Versöhnung ist nicht abgeschlossen: Leistungen und Belastungen der Ostdeutschen seit 1945 und 1989 sollten stärker anerkannt werden. Danach müsse der Blick stärker in die Zukunft gehen.
Detaillierte Übersicht
1. Die westliche Ordnung befindet sich in einer grundlegenden Transformation
Friedrich stimmt Augsteins Diagnose zu, dass bisherige westliche Gewissheiten erodieren. Anders als Augstein hält er den Wandel allerdings noch nicht für so weit fortgeschritten wie den ostdeutschen Umbruch von 1989. Seine zugespitzte Einordnung lautet: Vielleicht befinde sich der Westen eher im Jahr 1987.
2. Die ostdeutsche Transformationserfahrung kann heute nützlich sein
Friedrich sieht Systembruch, Verlust alter Gewissheiten und fundamentale Neuordnung als Erfahrungen, die viele Ostdeutsche bereits durchlebt haben. Dieses Wissen sollte aus seiner Sicht stärker in die gesamtdeutsche Debatte über heutige Veränderungen einfließen.
3. „Ihr haltet uns auf“
Friedrich formuliert diese Aussage ausdrücklich als seine Perspektive. Gemeint sind Strukturen und Denkweisen, die aus seiner Sicht notwendige Veränderungen nicht ausreichend analysieren, sondern an bestehenden Normen und Gewissheiten festhalten. Er verbindet damit keinen allgemeinen Vorwurf an jeden Westdeutschen.
4. Deutschland braucht eine offenere Analyse seiner Lage
Friedrich fordert, Veränderungen zunächst nüchtern zu beschreiben, daraus Optionen abzuleiten, deren Kosten und Opportunitätskosten zu prüfen und anschließend demokratisch legitimierte Entscheidungen zu treffen. Er kritisiert, dass grundlegende Alternativen häufig gar nicht erst diskutiert würden.
5. Politische und mediale Macht sind zu eng miteinander verbunden
Friedrich sieht eine zu starke Kopplung zwischen Politik und den Medien, die Politik eigentlich kontrollieren sollen. Er bezeichnet diese Abhängigkeiten zugespitzt als eine Form „milder Korruption“. Gemeint ist keine klassische Bestechung, sondern ein System gegenseitiger Abhängigkeiten, das aus seiner Sicht Selbstkorrektur erschwert.
6. Politische Verantwortung und finanzielle Verantwortung fallen auseinander
Friedrich kritisiert, dass privates finanzielles Fehlverhalten strafrechtliche Konsequenzen haben könne, während politische Fehlentscheidungen mit großen finanziellen Schäden häufig folgenlos blieben. Darin sieht er ein strukturelles Verantwortungsproblem.
7. Politik ist zu sehr ein geschlossenes Berufssystem
Friedrich kritisiert die geringe Durchlässigkeit zwischen Politik und anderen gesellschaftlichen Bereichen. Menschen sollten zeitweise politische Verantwortung übernehmen und anschließend wieder in andere Berufe wechseln können.
8. Politische Ämter sollten zeitlich begrenzt werden
Als konkreten Vorschlag bringt Friedrich eine Begrenzung verantwortlicher politischer Mandate und Ämter auf jeweils zwei Legislaturperioden ins Gespräch. Ziel ist eine stärkere personelle Durchmischung.
9. Politische Gestaltung braucht einen Generationswechsel
Friedrich hält es für problematisch, wenn sehr alte politische Führungskräfte Entscheidungen treffen, deren langfristige Folgen sie selbst kaum noch erleben werden. Er plädiert deshalb für mehr Verantwortung jüngerer Generationen.
10. Politik soll gestalten, Verwaltung verwalten
Friedrich unterscheidet zwischen politischer Zielsetzung und administrativer Umsetzung. Die Verwaltung soll nach seiner Vorstellung verlässlich definierte Ziele umsetzen; Politik soll nicht selbst zum dauerhaften Verwaltungsbetrieb werden.
11. Der Staat sollte Märkte nicht in ihren inneren Mechanismen außer Kraft setzen
Friedrich bekennt sich zur sozialen Marktwirtschaft und zu Umverteilung. Er warnt aber davor, dass politische Eingriffe Marktmechanismen und Effizienzgewinne zerstören können.
12. Journalisten sind nicht die besseren Politiker
Friedrich sieht die Aufgabe von Journalismus darin, „intelligentere Fragen“ zu stellen und Verhältnisse zu hinterfragen. Journalisten sollten sich nicht anmaßen, selbst die besseren politischen Lösungen zu besitzen.
13. Medien besitzen dennoch gesellschaftliche Wirkung
Im Gegensatz zu Augstein hält Friedrich Medien nicht für weitgehend machtlose Beobachter großer Entwicklungen. Medien könnten Entwicklungen verstärken oder dämpfen. Daraus folgt für ihn Verantwortung.
14. Journalismus sollte konkurrierende Perspektiven sichtbar machen
Friedrich beschreibt als Ideal, unterschiedliche Sichtweisen nebeneinanderzustellen. Als Beispiel nennt er die Perspektiven des ukrainischen und des russischen Botschafters. Zugleich erklärt er ausdrücklich, die Ukraine habe das Recht, sich zu verteidigen, und Russland kein Recht, sie anzugreifen.
15. Friedrichs ostdeutsche Identität ist für ihn keine ursprüngliche politische Identität
Friedrich sagt, er habe sich vor dem Kauf des Berliner Verlags nicht wesentlich als Ostdeutscher definiert. Erst die Reaktionen auf den Kauf und auf seine öffentlichen Positionen hätten diese Identität für ihn politisch relevant gemacht.
16. Die öffentliche Reaktion auf ostdeutsche Selbstbehauptung empfindet Friedrich als diskriminierend
Friedrich beschreibt die Reaktionen auf seine Tätigkeit als Verleger als Diskreditierung und Stigmatisierung. Er interpretiert einen Teil davon als Reaktion darauf, dass ein Ostdeutscher wirtschaftlichen und publizistischen Einfluss gewinnt. Das ist ausdrücklich seine persönliche Interpretation der Vorgänge.
17. Ost und West brauchen einen Abschluss der Transformationsdebatte
Friedrich wünscht sich eine Anerkennung der materiellen und biografischen Belastungen Ostdeutschlands nach 1945 und nach 1989. Ein öffentliches Eingeständnis, dass bei der Wiedervereinigung nicht alles richtig gelaufen sei, könnte seiner Einschätzung nach viel Frust abbauen.
18. Der friedliche Machtverzicht von 1989 sollte stärker anerkannt werden
Friedrich würdigt, dass die DDR-Führung 1989 auf eine gewaltsame Verteidigung ihrer Macht verzichtete. Seine persönliche Dankbarkeit gegenüber Egon Krenz begründet er insbesondere mit seiner damaligen Situation als NVA-Soldat.
19. Die Verantwortung für die Mauertoten bleibt davon unberührt
Friedrich sagt zugleich ausdrücklich, dass noch 1989 Menschen an der Mauer starben und Verantwortung dafür getragen werden müsse. Anerkennung des friedlichen Übergangs bedeutet für ihn keine Entlastung von früherer Verantwortung.
20. Der Umgang mit abtretenden Machthabern hat internationale Signalwirkung
Friedrich argumentiert, dass die vollständige Demontage von Akteuren, die einen friedlichen Machtübergang ermöglicht haben, anderen autoritären Machthabern einen falschen Anreiz geben könne: Wer freiwillig Macht abgebe, müsse anschließend mit persönlicher Verfolgung rechnen.
21. Deutschland sollte sich stärker für internationalen Gewaltverzicht einsetzen
Friedrich entwickelt als langfristiges Ziel eine internationale Ordnung, in der Konflikte regelgebunden und ohne militärische Gewalt ausgetragen werden. Er zieht Vergleiche zum staatlichen Gewaltmonopol und zu regelgebundenem sportlichem oder wirtschaftlichem Wettbewerb.
22. Die derzeitige Aufrüstung hält Friedrich für gefährlich
Friedrich äußert erhebliche Zweifel an einer Sicherheitsstrategie, die stark auf komplexe Rüstungssysteme und die Annahme eines künftigen russischen Angriffs setzt. Er bezeichnet seine Sorge ausdrücklich als persönliche Einschätzung.
23. Sicherheit muss auch die Sicherheitsinteressen der anderen Seite berücksichtigen
Friedrich fordert eine Sicherheitsarchitektur, in der Deutschland geschützt ist, die aber zugleich die Sicherheitsinteressen anderer Staaten berücksichtigt. Dauerhafte Sicherheit versteht er als Ergebnis gegenseitiger Regeln und Interessenabgleiche.
24. Die bisherige Geschichte über Ostdeutschland hält Friedrich in Teilen für falsch
Friedrich ist überzeugt, dass zahlreiche verbreitete Beschreibungen Ostdeutschlands einer empirischen Prüfung nicht standhalten. Er verweist auf industrielle Investitionen, Infrastruktur, Bildungsniveau und vorhandene Flächen.
25. Ostdeutschland besitzt erhebliche wirtschaftliche Zukunftschancen
Tesla in Brandenburg und die Halbleiterindustrie in Sachsen dienen Friedrich als Beispiele dafür, dass der Osten für moderne industrielle Investitionen besonders geeignet sein könne. Er erwartet langfristig eine Verringerung der sozialen Unterschiede zwischen Ost und West.
26. Negative Ost-Berichterstattung kann selbst wirtschaftliche Folgen erzeugen
Friedrich vertritt die These, dass dauerhaft negative Berichterstattung über Ostdeutschland internationale Fachkräfte abschrecken und dadurch Standortprobleme verstärken könne. Medien seien damit nicht nur Beobachter, sondern potenziell Teil der Kausalkette.
27. AfD-Politiker sollten nicht nur über mediale Zuschreibungen beurteilt werden
Friedrich berichtet, aus Neugier bewusst Gespräche mit führenden AfD-Politikern geführt zu haben. Seine persönliche Einschätzung ist, dass die Gesprächspartner nicht dem verbreiteten Bild von „Monstern“ entsprächen. Ihre politischen Lösungsansätze hält er ausdrücklich für diskutierbar und teilweise ihr Weltbild für zu eng.
28. Herkunft sollte für internationale Fachkräfte keine entscheidende Rolle spielen
Friedrich formuliert ein leistungsorientiertes Verständnis von Migration: Entscheidend sollten Fähigkeiten, Beiträge und faire Rahmenbedingungen sein, nicht Herkunft oder Hautfarbe.
29. Friedrich sieht in der OAZ eine Chance auch für Westdeutschland
Die Ostdeutsche Allgemeine soll nach seiner Vorstellung nicht nur eine Zeitung für Ostdeutsche sein. Er sieht darin ausdrücklich die Möglichkeit, dass der Westen aus ostdeutschen Perspektiven und Erfahrungen lernen kann.
30. Medien sollen Fehlerketten unterbrechen
Friedrich verwendet ein technisches Bild: Große Systeme scheiterten häufig, wenn mehrere Fehler in einer Prozesskette zusammenkämen. Journalismus könne einzelne Glieder solcher Fehlerketten prüfen und damit möglicherweise Fehlentwicklungen verhindern.